INTERVIEW MIT TILMANN ZENS (REGIE)

Das Interview führte die Filmwissenschaftlerin Kerstin Krieg
im Rahmen ihrer Magisterarbeit zum jüngsten deutschen Kino.


Warum hast Du Dich entschieden, als Debütfilm einen Genrefilm zu drehen?
Ich habe mich eigentlich nicht entschieden, einen Genrefilm zu machen, sondern ich wollte ganz speziell "Such mich nicht" drehen. Der Film hat eine längere Geschichte: Filme von Wong Kar-wai, besonders "Fallen Angels", oder "Beyond Hypothermia" von Patrick Leung - also Hongkong-Filme, die sich durch eine Melancholie in einer Neon-Großstadtumgebung auszeichnen - haben mich sehr beeindruckt. Dieselbe Faszination teilte mein Drehbuchautor Alex Buresch, der schon vor mehreren Jahren, 1999/2000, eine Idee für einen Kurzfilm hatte. Er hieß "Bulletproof" und wäre eine cliphafte, an Wong Kar-wai angelehnte, 15-minütige Bilderorgie gewesen. Ich war damals noch als Kameramann eingeplant. Dieser Film ist nie entstanden, aber die Hauptfigur, eine Auftragskillerin, hat uns nicht mehr losgelassen. Einige Jahre später haben wir die Grundkonstellation wieder aufgegriffen und wollten einen Film in Anlehnung an "Taxi Driver" machen. Auch "Nikita" war ein wenig im Hintergrund, wobei es uns immer wichtig war, uns davon ganz deutlich abzuheben, was, denke ich, auch passiert ist. So ist dann schließlich das Langfilmdrehbuch zu "Such mich nicht" entstanden. Von dem Stoff war ich überzeugt und wollte diesen Film machen.
Das Problem war dann erstmal einen Produzenten zu finden. An der Akademie in Ludwigsburg wollte es erst keiner machen. Ein halbes Jahr lang habe ich gesucht, bis sich glücklicherweise Rüdiger Heinze begeistern ließ. Dann kamen die Sender dazu, erst der HR, dann der WDR. Mit dem Geld der Sender haben wir den Film gedreht, aber es ist immer noch ein "No Budget" Projekt, keiner der Beteiligten wurde bezahlt.

Wie war die Zusammenarbeit mit Deinem Drehbuchautor?
Wir beide haben uns am Anfang drei Tage eingeschlossen, ganz klassisch Karteikarten gelegt und so zusammen die Struktur ausgetüftelt. Dann hat Alex alleine geschrieben und ich habe gelesen und Änderungsvorschläge gemacht. So haben wir dann über einen Zeitraum von etwa acht bis zehn Monaten das Drehbuch geschrieben.

Auch zukünftige Projekte werden wahrscheinlich nicht aus Deiner Feder stammen. Ist es eine bewusste Entscheidung von Dir, fremde Drehbücher zu inszenieren?
Ja, weil ich bin Regisseur und kein Drehbuchautor. Für meine Kurzfilme habe ich Drehbücher auch selbst geschrieben, aber für mich war es immer anstrengend und eher eine Notlösung. Ich weiß auch woran es liegt: Drehbuchschreiben und Regie führen sind zwei ganz unterschiedliche Tätigkeiten. Wenn Du schreibst, musst du dich von der Außenwelt abschotten, dir Dinge vorstellen und sie aufschreiben. Als Regisseur musst Du im ständigen Kontakt mit den verschiedensten Leuten sein, laufend Ideen generieren, koordinieren. Der Regisseur ist ein Koordinator von verschiedenen Künstlern, die alle auf ein Ziel hin arbeiten. Aber alle sind eigenständige Künstler, die mit einem eigenständigen künstlerischen Anspruch an die Sache herangehen, damit es gut wird. Das muss man ihnen auch gestatten, sich dabei aber der Verantwortung des Regisseurs bewusst sein und den Überblick behalten.
Dazu kommt noch, dass man als Autor/Regisseur von Film zu Film normalerweise drei bis fünf Jahre braucht. Ich würde eben gerne jedes Jahr einen oder zwei Filme drehen. Das geht aber nur, wenn ich Drehbücher bekomme.
Mir reicht der Einfluss, den ich als Regisseur auf den Film habe, auch wenn die Geschichte nicht von mir stammt. Es ist sogar häufig so, dass die Geschichte gar nicht so wichtig ist - sie gleichen sich oft. Das eigentlich Interessante ist, auf welche Art und Weise die Geschichte betrachtet wird. Das gilt sowohl für mich als Regisseur, als auch, so behaupte ich einfach mal, für den Zuschauer. Dafür ist "Such mich nicht" ein gutes Beispiel: Die Grundgeschichte ist nicht unbekannt, jeder hat schon einmal einen Film mit einem Auftragskiller gesehen. Es handelt sich um eine sehr klassische Konstruktion - was ja letztendlich auch den Genrefilm ausmacht. Ich als Regisseur habe dann die Aufgabe, dieses Genre zu formen, zu gestalten und zu prägen.
Slawomir Idziak bei dem ich ein Seminar hatte, hat einmal gesagt: "We don't go to cinema to hear that the rabbit was killed. We go to cinema to see how the rabbit was killed. We want to see the green shit, that comes out of the rabbit...". Und am Ende des Seminars hat er uns dann auf deutsch verabschiedet: "Ich wünsche Euch noch viel grüne Scheiße in Eurem Leben."

Welches Genre genau bedienst Du mit "Such mich nicht"?
Für mich ist es ein Neo-Noir. Bei den Festivals heißt es auch oft "Thriller", weil Film Noir einen etwas schwer verdaulichen Beigeschmack hat, aber insgesamt spreche ich gerne von einer im Gangstermilieu angesiedelten Liebesgeschichte im Neo-Noir Stil.

Welche Genreregeln habt Ihr befolgt?
Ich glaube, die Befolgung der Regeln ist eher unterbewusst passiert. Man sieht sich einen Film an und ist von einer Situation oder einem Stil besonders beeindruckt und greift diese Versatzstücke irgendwie, vielleicht auch ein wenig verwandelt, wieder auf. Manchmal erkennt man es später als Zitat wieder, oder im besten Fall als gebrochenes Zitat.
Bewusster ist mir mehr, welche Genreregeln wir gebrochen haben: So beispielsweise bei der Menstruationsszene, wenn in diese total künstliche Welt der Anna plötzlich etwas ganz Banales wie ihre Menstruation einbricht. Das macht sie plötzlich zum Menschen und vor allem zu einer Frau. Bei "Kill Bill", von dem ich während des Drehs noch nichts wissen konnte, muß ich zugeben, geht Tarantino eigentlich noch einen Schritt weiter, indem er nicht nur eine schwangere Frau als Killerin einsetzt. Das ist doch faszinierend an dieser Genrefigur: Eine Frau die tötet, ist ja ein Widerspruch in sich, das ist einfach schwerer zu verdauen als ein Mann, der immer sofort glaubhaft als Killer auftreten kann.

Welche Szenen oder Situationen magst Du besonders gerne bei "Such mich nicht"?
Recht ungewöhnlich finde ich beispielsweise die Abschiedsszene, bei der Anna Lino zum zweiten Mal verlässt: Der Dialog ist exakt so geblieben, wie er im Drehbuch stand, aber die vier Szenen, über die er sich erstreckt, sind non-linear ineinander geschnitten. Und das ist nicht etwa in der Postproduktion entstanden, sondern war schon vor dem Dreh genau so angedacht. Sie sind sozusagen "ineinandergeDREHT". Dazu muss man aber sagen, dass ich das natürlich nie im Leben gemacht hätte, wenn da nicht Nicholas Roegs Filme "Wenn die Gondeln Trauer tragen" und "Bad Timing" gewesen wären.
Eine andere ganz interessante Szene ist ganz am Anfang der Killerauftrag von Anna: Sie hat eine Kiste dabei, in der die Waffe ist, aber auch der Dildo, darum dürfen die Bodyguards nicht hinein sehen. Beides zusammen, Mordinstrument und Dildo, verdichtet sich noch einmal auf symbolischer Ebene - und dann auch noch im Besitz einer Frau. Solche Konstruktionen regen das Unterbewußtsein an und eröffnen ganze Bedeutungsräume - das kann man nur ein einem Genrefilm machen.

In Zitaten von Dir fällt immer wieder der Begriff "Verdichtung". Wie erzeugst Du Verdichtung in Deinem Film?
Ein gutes Beispiel ist eben diese Szene mit dem Dildo und der Waffe: Da liegen verschiedene Bedeutungsebenen buchstäblich übereinander. Sowohl die Waffe, als auch der Dildo ist symbolisch aufgeladen, und beide zusammen ergeben wieder eine noch dichtere, intensivere Bedeutung. Man kann den Film auf der reinen Handlungsebene sehen, aber auch tiefer eintauchen und mehr sehen, wenn man möchte. Kino besteht aus bewegten Bildern, die immer mehrere Bedeutungen haben können. Man muss den Bildern diesen Raum lassen und nicht versuchen, das zu reduzieren. Vielmehr sollte ein Regisseur einen Kosmos aufbauen, den er zu einem großen Ganzen entwickelt. Vieles passiert dabei auch mit dem Bauch: Es geht ja alles sehr schnell, man trifft so viele Entscheidungen, die zum Ganzen beitragen. Man muß als Regisseur auch das Selbstvertrauen haben, auf die eigene Intuition zu hören. Dann ist man manchmal sogar vom eigenen Film überrascht, in dem man dann ganz untendrunter plötzlich eine weitere Bedeutungsebene entdeckt, die so nie "geplant" war, aber auch durchaus nicht zufällig entstanden ist.

Gibt es einen Bezug zur Realität?
Ja, das ist der Punkt, der mich an dem Stoff gereizt hat und der auch die Leute dazu veranlasst, den Film nicht als realitätsfernen Quatsch zurückzuweisen. Alle Konstellationen der Figuren sind eigentlich Liebesgeschichten, die mit der Sehnsucht nach menschlichem Kontakt zu tun haben, mit Scheitern und Einsamkeit. In dieses Genre, in dem es immer um Leben und Tod geht, sind Situationen und Gefühle gespiegelt, die jeder von uns aus dem eigenen Leben kennt. Beispielsweise die Angst vor dem Alleinsein - dann hat man vielleicht sogar einen Partner, der einen schlecht behandelt und trotzdem bleibt man mit ihm zusammen, weil man Angst hat, seinen eigenen Weg zu gehen. Dieser ganz alltägliche, menschliche Konflikt ist in der Figur der Anna tief verwurzelt und schwingt permanent mit, aber der Zuschauer muss ihn sich nicht ununterbrochen zu Herzen nehmen, weil ja auch immer noch diese künstliche, fiktionale Ebene der Auftragskillerin da ist.

Welche Bedeutung haben Raum und Ausstattung in "Such mich nicht"?
Das Ausstattungskonzept beinhaltet, dass es im Film kein Holz, keine Ziegel, möglichst wenige Bäume oder sonstige Pflanzen gibt; also kein "warmes Material". Mein Production-Designer Pierre Brayard und ich haben nach "Unorten" gesucht, also Orte, die nicht konkret zuzuordnen und austauschbar sind, die überall sein könnten. Es sollte ein Gefühl von "formatiertem Leben" entstehen, so wie es zunehmend in großen Städten zu beobachten ist: In einigen Facetten sieht jede Metropole aus wie die andere, es gleicht sich vieles an, viele ähnliche, künstliche Materialien werden verwendet. Wir haben mit kalten, glatten, abwischbaren Oberflächen gearbeitet, viel Glas und Edelstahl. Material, an dem man abrutscht, keinen Halt findet, wie die Hauptfigur Anna in ihrem Leben. Das erzeugt ein starkes Einsamkeitsgefühl, eine moderne Form von Einsamkeit. So haben wir im Design eine nach außen gespiegelte Innenwelt der Protagonistin.

Dein Film ist sehr stilistisch. Welchen Stellenwert hat Ästhetik für Dich?
Ich finde Trash langweilig. Ich denke manchmal an den Spruch, der auf der Alten Oper in Frankfurt steht: "Dem Wahren, Schönen, Guten". Ich finde, wenn man Kunst macht, sollte man ehrlich sein, was Schönes zeigen und sich dem Guten verpflichten. Darüber, was sich dann genau hinter diesen Worten verbirgt, kann man bestimmt geteilter Meinung sein. Aber es muss ja nicht immer alles unscharf und hingerotzt sein. Ich verstehe nicht, warum Lars von Trier, den ich als Regisseur sehr respektiere, für "dancer in the dark" den schlechtesten Schwenker der Welt engagiert hat: sich selbst.
Bei "Such mich nicht" speziell betont die Ästhetik auch das Künstliche der Geschichte. Für dieses Projekt war es mir ganz wichtig, dass ich einen richtigen Production-Designer bekomme, der seinen Job als eigenen Kunstbereich versteht.
Aber wer weiß, vielleicht mache ich beim nächsten Mal etwas richtig Rotziges. Auch das kann eine Ästhetik haben. Bei "Pi" beispielsweise gibt es auch ein ganz stark ausgearbeitetes Ästhetikkonzept. Nur Beliebigkeit, finde ich, hat beim Film nichts verloren.

Was fasziniert Dich an Deiner Hauptfigur Anna?
Bei Anna handelt es sich um die Kunstfigur "Auftragskillerin", was allein schon einen Widerspruch in sich trägt, denn ich persönlich finde, dass eine Frau, die tötet, ein größerer Widerspruch ist, als ein Mann, der das tut. Ein Mann ist eben ein Krieger, aber eine tötende Frau ist eine Perversion im Sinne einer Umkehrung zu dem, was evolutionär vielleicht einmal vorgesehen war. Das hat mich primär an der Figur interessiert, ihr Umgang damit, dazu noch ihr Kampf mit der Einsamkeit. Sie sagt ja auch im Film: "Ich kann das nicht mehr, ich kann nicht mehr so allein sein." Ihr Beruf verursacht eine wahnsinnige Einsamkeit in ihr, Lewin dosiert seine Zärtlichkeit ihr gegenüber und setzt sie bewusst ein, um die Machtstruktur aufrecht zu halten. Man sieht, wie es normalerweise bei ihr läuft in der Szene im Zug, wenn sie mit einem Fremden rein körperlich, maschinell schläft, ihn aber noch nötigt, bei ihr zu bleiben bis sie eingeschlafen ist.

Welche Spannungen haben Dich an der Figurenkonstellation Lewin, Lino und Anna gereizt?
Es ist komplexe eine Dreieckskonstellation. Lewin hat Macht über Anna. Sie dagegen ist abhängig von ihm, weil sie ihn liebt. Die Geschichte ist ja auch die eines Ausbruchs aus einer Machtstruktur. Am Schluss stellt sich heraus, dass nicht nur Anna Lewin liebt, obwohl er diesen starken Druck ausübt, sondern auch er sie. Das ein schöner Aspekt, den die Geschichte erzählt: Man braucht sich nicht unterdrücken lassen, auf welche Art auch immer, weil die, die einen unterdrücken, sind genauso abhängig von einem, wie man selbst von ihnen. Ein kleines Plädoyer für die Freiheit.
Dann gibt es die Spannungen zwischen dem jungen und dem älteren Mann. Lino steht für ein anderes Lebensprinzip: Er ist ein einfacher, guter Mensch, ein Engel. Sein Leben könnte vielleicht ein wenig interessanter sein, darum findet er auch sie so spannend. Aber von ihm gehen keine Besitz ergreifenden, bösartigen Momente aus. Ganz im Gegensatz zu Lewin, der immer schreit und Druck macht, aber eigentlich, weil er Angst hat.

Ich habe gelesen, dass Du gerne die "Traummaschine Kino" anwerfen möchtest. Ist es Dein Ziel, dass sich die Zuschauer vollkommen in Deinen Film einfühlen und die Realität vergessen?
Ja, ganz eindeutig ja. Ich als Regisseur möchte den Zuschauern die Möglichkeit geben, sich etwa als Passagier in meinen Kopf zu setzen und die Welt einmal auf eine ganz andere Weise zu betrachten. Das Kino wird zu einer Maschine, die diese Reise ermöglicht - das ist meiner Meinung nach der Grund, warum man gerne ins Kino geht.

Was soll der Film mit dem Publikum anstellen?
Ich fände es schön, wenn das Publikum nach diesem doch sehr kalten und reduzierten Film die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, die aus der Einsamkeit entspringt, nachvollziehen könnte und ihre Mitmenschen ein wenig mehr zu schätzen wüsste. Das Warme, das Menschliche, das Schöne oder vielleicht sogar das Gute im Film kommt zustande, indem klar gemacht wird, dass sich diese Sehnsucht immer irgendwie ihren Weg bahnt, egal in welchen Situationen. Gute Filme werden ja immer besser, je länger man sie nicht gesehen hat, weil man mit dem Film in Gedanken weiter macht. Das würde ich mir wünschen.

Wie wichtig ist Dir die Publikumswirksamkeit?
Äußerst wichtig.

In der "Variety" stand ein überaus positiver Artikel zu "Such mich nicht" - einzig das Ende wurde ein wenig als "weak" kritisiert. Was waren Eure Gründe für das Ende, so wie es ist?
Wir hatten verschiedene Enden: Anna bringt ihn wirklich um, Lino bringt ihn und nichts von Anna, sie begeht Selbstmord. Als uns aber eingefallen ist, dass er ihn umbringen könnte und sie die Schuld auf sich nimmt und ihn dann verlässt, war das für uns schließlich genau richtig und total zwingend. Es ist das glücklichste mögliche Ende, was realistischerweise passieren kann…

…aber sie kriegen sich ja nicht und sie ist immer noch einsam.
Ja stimmt, aber dass sich die beiden Figuren Lino und Anna kriegen, ist in dieser Situation einfach nicht realistisch, sie würden nicht glücklich werden. Und für Anna ist das Ende eine große Befreiung: Endlich ist sie nicht mehr abhängig. Und bevor sie wieder ins Leben kommen kann, muss sie sich erstmal wirklich unabhängig erklären.

im Orfeo's Erben, Frankfurt, 1. April 2005